Interview: GIS & Vermesser – ein Widerspruch?

Wir sprechen mit Peter Skalicki-Weixelberger, Präsident des AGEO und Ingenieurkonsulent für Vermessungswesen im Brotberuf, warum GIS in der österreichischen Vermessung eine so geringe Rolle spielt.

 

GeoNews: Herr Skalicki-Weixelberger, Sie sind Präsident des österreichischen Dachverbandes für Geografische Information, kurz AGEO. Was sind die Ziele des AGEO und was bietet der Verband seinen Mitgliedern?
Dipl.-Ing. Peter Skalicki-Weixelberger: In unseren Statuten steht dazu recht allgemein formuliert: „Der nicht auf Gewinn gerichtete Verband bezweckt die Förderung der effizienten Nutzung von geografischer  Information und ihren interdisziplinären Einsatz …“
Neben der klassischen Standesvertretung haben wir in den letzten Jahren vor allem die Themen „Geodaten“ sowie GIS-Fort- und Weiterbildung behandelt und über GIS-Berufsfelder informiert. Der Dachverband fördert auch Initiativen zur technischen und methodischen Weiterentwicklung, um Österreich zu einem starken Standort für Geoinformation zu machen. Aktuell arbeiten wir gerade an einem Leitbild für 2018 und der Festlegung der Schwerpunkte der Vereinstätigkeit in den nächsten zwei Jahren.

Was bietet der AGEO speziell für Vermesser?
Vermesser sollten eigentlich einen Großteil der „Basisdaten“ aller geografischen Informationen liefern und deshalb sind die erwähnten Ziele und Themen des Dachverbandes auch für Geodäten interessant.

Wie wird der AGEO unter Vermessern wahrgenommen und wie viele Geodäten sind unter den Mitgliedern?
Da AGEO ein Dachverband ist und somit keine Einzelmitglieder hat, kann diese Frage nur relativiert mit „sehr viele“ beantwortet werden. Diese werden u. a. durch unsere Mitglieder, wie die Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, die Wirtschaftskammer (technische Büros) und viele andere, vertreten.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, warum sich so wenige Vermesser mit GIS beschäftigen? Ist das symptomatisch für Vermesser in Österreich?
Offensichtlich benötigen Sie diese Aufträge nicht. Nein, Spaß beiseite … Zu Beginn gab es nur wenige Datensätze für GI-Systeme und für viele Einsatzbereiche war eine hohe Lagegenauigkeit nicht von hoher Relevanz. Eine rasche, kostengünstige und vor allem flächendeckende Erfassung für Gemeinden, Länder und ganz Österreich war wichtig. Für viele Vermesser waren solche „ungenaue“ Mess- bzw. Erfassungsmethoden nicht standesgemäß. Bei vielen Vermessungen war und ist es nötig, im gleichen Arbeitsschritt spezifische Sachdaten mit zu erfassen, was für viele Vermesser offensichtlich nicht interessant war und ist. Grundsätzlich wäre aber gerade der Vermesser prädestiniert für die Erfassung von Geodaten.

Moderne Sensoren (z. B. GNSS, Mobile Mapping, …) sind so einfach zu handhaben, dass zunehmend in der Baubranche oder bei der Leitungsvermessung der Vermesser nicht mehr benötigt wird. Braucht man heutzutage eigentlich noch Geodäten für GIS-Bearbeitungen?
Für diverse Basisaufgaben sicher nicht. Ähnlich wie man in vielen Bereichen keinen EDV-Fachmann oder speziellen Geoinformatiker mehr benötig, ist eine Zusatzausbildung hinsichtlich „Erfassung geografischer Informationen“ oft ausreichend. Allerdings sollte man beim Einsatz solcher Systeme entweder den Beipackzettel oder einen Vermesser zu Rate ziehen – was Themen wie Genauigkeit, Koordinatensysteme oder ähnliches betrifft.

Warum engagieren sich „klassische“ Vermesser (z. B. Ingenieurkonsulenten für Vermessungswesen) Ihrer Meinung nach nur wenig im Bereich GIS und warum überlassen sie diese Domäne anderen, wie etwa Raumplanern oder Kulturtechnikern? Schwimmen den österreichischen Vermessern dadurch nicht die „GIS-Felle“ davon?
Vielen Vermessern sind die GIS-Felle sicher bereits davongeschwommen. Die grundlegenden Tätigkeitsbereiche der „klassischen“ Ingenieurkonsulenten waren das Katasterwesen und technische Präzisionsvermessungen bzw. -absteckungen. Eine flächendeckende „Massendaten“-Erfassung gehörte nicht zu den Standardtätigkeiten. In diesen Bereichen sollte der Vermesser, wie bereits erwähnt, zumindest beratend und koordinierend tätig sein, wie dies z. B. in der Schweiz üblich ist.

Was könnten denkbare Aufgaben eines Vermessers im GIS-Bereich sein? Welche Kompetenzen könnten sie einbringen und dadurch neue Aufgabengebiete erschließen?
„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ – fällt mir da ein. Besonders im Bereich Datenqualität, -genauigkeit und -aktualität, aber auch in Bezug auf Rechtssicherheit von Geodaten hinsichtlich ihrer Lage muss der Vermesser die erste Anlaufstelle sein. Gerade weil moderne Sensoren und diverse Online-Dienste zur Verfügung stehen, geht es um den korrekten und sinnvollen Einsatz dieser Instrumente und Daten.

Sie haben selbst ein Vermessungsbüro und bieten gleichzeitig Dienstleistungen in der Geoinformation an, das heißt, Sie sind mit beiden Materien vertraut. Welche Vorteile sehen Sie in dieser Kombination?
Unser Firmenleitsatz lautet seit über 30 Jahren „Einmal vermessen, mehrfach genutzt“. Wer, wenn nicht der Datenersteller, weiß, wie seine Geoinformationen sinnvoll und korrekt eingesetzt werden können. Somit ist ein koordinierter und optimierter Datenfluss von der Erfassung über die Analyse und Aktualisierung bis hin zur laufenden Verwendung sichergestellt.

Wie könnte es gelingen, Vermesser zu motivieren, in der Geoinformation aktiver zu werden?

Die interessanten und verantwortungsvollen Aufgabenstellungen sollten Motivation genug sein. Wer dies nicht erkennt, ist wahrscheinlich auch nicht dafür geeignet. Konkret kann man durch die Präsentation vieler Anwendungsbereiche das Interesse vielleicht wecken.

 

Sie erwähnten vorhin das Beispiel Schweiz.Dort ist ein Nachführungsgeometer einer Gemeinde zum Beispiel nicht nur für die amtliche Vermessung zuständig, sondern auch für alle Gewerke einschließlich des Betriebes des WebGIS. In Österreich ist die gesetzliche Grundlage anders, aber es gibt auch hierzulande bereits erfolgreiche Geschäftsmodelle der "Rund-um-Betreuung" von Gemeinden inklusive GIS-Datenerfassung. Warum ist das so wenig verbreitet?
Weil in der Vergangenheit sehr viele Köche an diesem Brei gekocht und gerührt haben. Im Umfeld GIS bei österreichischen Kommunen waren und sind Vermesser, Raumplaner, Kulturtechniker, Kommunalsoftware-Anbieter, Versorgungsunternehmen, EDV-Firmen, Landesregierungen u. v. a. m. tätig. Oft miteinander, aber auch gegeneinander oder zumindest parallel und nur selten in einem wohlklingenden Orchester unter einem Dirigenten tätig. Gerade hier müssen die Gemeinden besser informiert werden.


Was könnten zukünftige Aufgaben von Vermessern in der Geoinformation sein und wo sehen Sie wirtschaftliche Potentiale?
Wie erwähnt, ist der Vermesser in den Bereichen Datennormierung, Datenqualität und Datenaktualität stark gefordert und sollte die Rolle des Dirigenten übernehmen. Geografische Informationen stecken nahezu überall drinnen, aber wenige Anwender nehmen dies bewusst war. Hier Bedarf es großer gemeinsamer Anstrengungen aller Beteiligten in der Verwaltung, der Lehre und der Wirtschaft.

Vielen Dank für das Gespräch! (Das Interview führte Susanne Friedl-Steiner)

 

Bild oben: Dipl.-Ing. Peter Skalicki-Weixelberger
DI Mussack & DI Skalicki-Weixelberger ZT-KG, Graz und Präsident des Österreichischen Dachverbandes für Geografische Information, AGEO, www.ageo.at

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